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Die ehemalige Lauterbacher Sankt Wendelskapelle
- Geschichte -

Nun war man froh, dass man in die Kleine Kapelle vor der Stadt  ausweichen konnte, bis die neue Stadtkirche erbaut war. Dazu mussten allerdings zusätzliche Bänke angeschafft, und die Gemeinde in zwei Gruppen geteilt werden. Während die eine dann vormittags zum Gottesdienst ging, musste sich die andere bis zum Nachmittag gedulden. Not machte aber offensichtlich schon damals erfinderisch.

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ie ergreifenden Schilderungen der Geschehnisse des 8. August 1762 und der folgenden Ereignisse verdanken wir der „Chronica“ des Lauterbacher Chronisten Jean Louis Tilleur. Wer diese einmal nachvollziehen will, findet sie, von mir der Verständlichkeit wegen in ein etwas moderneres Deutsch übertragen, auf Seite 6.

Nachdem am 20.12.1767 der erste Gottesdienst in der neu errichteten Stadtkirche am Marktplatz stattfand, wurde es um die kleine Kapelle am Kreuzweg wieder stiller. Sie diente wieder ausschließlich als Totenkirche, von der aus die Begräbnisse vollzogen wurden.

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ls Ende des 18. Jahrhunderts dann die Napoleonischen Kriege ganz Europa in Atem hielten, traf es auch Lauterbach wieder unverhältnismäßig hart. Durchziehende Soldaten aller Nationen brachten die kleine Stadt an den Rand des Ruins. Die Wendelskapelle wurde zu dieser Zeit teilweise als Pferdestall und Gefangenenlager missbraucht. So waren hier zum Beispiel im Jahr 1813 französische Soldaten interniert, die auf ihren Weitertransport nach Fulda warteten.

Im Jahr 1835 zeichnete sich dann aber bereits das Ende der kleinen Kirche ab. So trat man die Kanzel an die evangelische Gemeinde in Herbstein ab, wo sie in die dortige Kirche eingebaut wurde. Einige Quellen sprechen von einer Dauerleihgabe, andere besagen, dass sie dorthin verkauft wurde.

Die Glocke und die kleine Orgel gingen dagegen in die Kirche nach Rudlos, das hölzernes Altarkreuz ging als Geschenk an die evangelische Gemeinde Lanzenhain.

Das endgültige Aus für die Wendelskapelle kam dann im Jahr 1840. Der Friedhof am Kreuzweg war mittlerweile zu klein geworden, und so wurde ein neuer etwa 250 Meter nordwestlich davon angelegt, der im Oktober 1840 eingeweiht wurde und auch noch heute genutzt wird. Die letzte Bestattung am Kreuzweg fand dann endgültig im Jahr 1842 statt.

 


Bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts üblich:
Leichenzug hinter dem städtischen Leichenwagen

Die Wendelskapelle hatte damit ihre Bedeutung verloren. Sie diente fortan nur noch als Unterstellplatz für den städtischen Leichenwagen!

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m Jahr 1850 wurde die kleine Wendelskapelle dann nochmals umfangreich saniert, doch ihr Ende war nicht mehr aufzuhalten. Schon zwanzig Jahre danach versuchte der Gemeinderat mehrmals vergeblich, den Fachwerkbau zum Abriss zu verkaufen.

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m Mai 1872 kaufte schließlich Gemeinderat Alt das Gebäude für 300 Gulden.

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m 1. März 1873 begannen dann die Abrissarbeiten. Das noch brauchbare Material wurde, wie damals üblich, meistbietend versteigert. So gingen zum Beispiel die noch verwertbaren Balken nach Hergersdorf und Brauerschwend, wo sie in zwei Scheunen verbaut wurden.

Das Areal um die ehemalige Kapelle lag nun für knapp 30 Jahre brach. Erst mit der Grundsteinlegung der Höheren Bürgerschule am 17. März 1902 sollte die Fläche neu genutzt werden. Den massiven Steinbau, welchen man heute als „Altbau“ des Lauterbacher Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums kennt, errichtete man etwa 30 Meter weiter Richtung Norden. Er steht damit  genau auf dem Gebiet des alten Friedhofes. Den Plan, die Gräber und den zugehörigen Grabschmuck beim Bau so weit wie möglich zu schonen, hat man nicht wirklich umgesetzt. Zeugen berichteten, dass „
alte Grabkreuze lange auf einem Haufen lagen, bis sie entsorgt wurden“. Der recht bemerkenswerte Bestand an Grabmalen ist dabei fast vollständig verloren gegangen. Nur drei klassizistische Grabsteine haben sich bis in unsere heutige Zeit erhalten und zieren mehr oder weniger versteckt die Grünflächen des Gymnasiums.