Die ehemalige Lauterbacher Sankt Wendelskapelle - Augenzeugenbericht

 

Hier noch zwei Detailaufnahmen des Kanzau´schen Obelisken. Bei der linken Aufnahme habe ich die Halteeisen grafisch entfernt, um den Urzustand des Grabmals zu simulieren. Die dreieckige Form und die Gestaltung der Spitze des Obelisken weisen auf Kanzau´s Mitgliedschaft bei den Freimaurern hin!

oben: Der Gedenkstein zu Ehren von Helene Stoeplern aus dem Jahr 1811.


rechts: Das Grab von Elisabetha Graulich aus Kestrich mit der Sandsteinurne aus dem Jahr 1818.
 

Jean Louis Tilleur, ein ehemaliger Lauterbacher Bürgermeister und Chronist, schildert in seiner „Chronica“ aus dem Jahr 1762 anschaulich die Ereignisse in der alten gotischen Stadtkirche, die die Wendelskappelle, zumindest für einige Jahre, in den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens rückte.
Der Verständlichkeit halber habe ich mir erlaubt, den Text in modernes Deutsch zu übersetzten.


Besonderer Vorfall, in der Kirche geschehen, 1762

Es war am 8. August, oder am neunten Sonntag nach Trinitatis [Dreifaltigkeitsfest = erster Sonntag nach Pfingsten], als sich in unserer Stadtkirche folgender Vorfall ereignete. Zuerst muss man von dieser Kirche wissen, dass sie schon viele Jahre schadhaft und baufällig gewesen war. Hier und da zeigte sich auch ein Riss in den Mauern und den steinernen Gewölben, aus welchen zuweilen Speis und kleine Steine gefallen waren. Diese Umstände, die nichts anderes als das Alter und die Baufälligkeit des Baus anzeigten, hatten die Herrschaft [Freiherrn zu Riedesel] und die Stadt schon vor 12 Jahren bewogen, Anstalten zu einem neuen Kirchbau zu machen. Eine Planung dazu wurde damals sowohl zu Papier gebracht als auch als Modell gebaut. Eine große Menge Steine wurde herangeschafft und aufs schönste behauen. Kurz um, es wurde mit dem Bau bereits begonnen. Allerdings war das vorrätige Geld, nämlich 12.000 Gulden, in wenigen Jahren aufgebraucht. Die Herrschaft stellte nun nicht nur weitere Zahlungen ein, sondern mutete der Stadt  sogar zu, sie solle die Kirche auf eigene Kosten bauen. Die Stadt hatte aber schon 300 Gulden durch Ausgabe von Baulosen zu 6 Gulden pro Stück von jedem Bürger, oder armen Witwe, geleistet, und damit ihr möglichstes getan. Außerdem war es nicht ihre Aufgabe, in der Residenz der herrschaftlichen Familie und auf das Gebiet des Landes, aus eigenen Kräften eine Kirche zu bauen. Sie war finanziell auch gar nicht in der Lage dazu. Und so geriet der Kirchenbau ins Stocken und die so schön ausgehauenen Steine hatten bis dahin viele Jahre in Wind und Wetter gelegen. Indessen wurde die alte Kirche immer baufälliger. Um einen Einsturz der Westseite zu vermeiden, sah man sich gar genötigt, sie dort mit hölzernen Balken und Pfeilern zu stützen.
Als nun am Vormittag des 8. August die Kirche mit Menschen gefüllt und der Inspektor in der Mitte seiner Rede war, entstand eben an dieser Westseite, den Schulhäusern zugewandt, ein „Gerassel“, welches nach Aussage vieler Anwesenden einer einfallenden Mauer glich. Andere verglichen es mit der „Losbrennung schießender Gewehre“. In diesem Moment meinten einige Menschen, die Kirche stürze ein, welches einige auch in der Bestürzung mit lauter Stimme schrieen. Sofort suchte jeder nach einer Fluchtmöglichkeit, um sein Leben zu retten. Die Männer rannten zuerst los. Durch die Panik angesteckt folgten jetzt auch die Frauen.